Warum man auf Bornholm so oft Polnisch hört

Wie die Sonneninsel Bornholm nach 1989 auf der touristischen Landkarte Polens erschien – und warum die Anreise über Świnoujście eine echte Alternative ist.

Wenn man heute im Sommer über die Radwege rund um Nexø oder durch die Räuchereien von Hasle oder Sandvig schlendert, fällt es schnell auf: Neben Deutsch und Dänisch hört man erstaunlich oft Polnisch. Für viele Besucher wirkt das wie ein neues Phänomen. Tatsächlich erzählt es aber eine längere Geschichte – eine Geschichte von politischen Umbrüchen, neuer Mobilität und einer Insel, die für polnische Reisende genau zur richtigen Zeit sichtbar wurde.

1989 als Wendepunkt des polnischen Bornholm-Tourismus

Vor 1989 lag Bornholm für Polen geografisch nah, politisch jedoch unerreichbar. Die Ostsee trennte nicht nur Länder, sondern auch politische Systeme. Bornholm war Teil des westlichen Dänemarks und blieb deswegen für polnische Bürger ein Sehnsuchtsort, den man höchstens vom Hörensagen kannte. 

Erst mit dem Ende des Eisernen Vorhangs änderte sich das grundlegend. Nun wurde Reisen möglich. Grenzen öffneten sich und plötzlich rückte Skandinavien in Reichweite einer wachsenden polnischen Mittelschicht. Folglich begann in den 1990er-Jahren eine langsame, aber stetige Annäherung. Zunächst dominierten Einkaufs- und Kurzreisen nach Deutschland oder nach Südschweden. Bornholm profitierte davon höchstens indirekt als exotisch wirkender Abstecher, als Insel mit westlichem Lebensgefühl, deren Besuch aber ohne Langstreckenflug und Jetlag auskommt.

Kaum 100 Kilometer Luftlinie ins Ausland

Bornholm liegt näher an der polnischen Küste als an Kopenhagen. Von Świnoujście (Swinemünde) aus sind es kaum 100 Kilometer Luftlinie. Für polnische Reisende bedeutet das: kurze Anfahrtswege, überschaubare Kosten und dennoch das Gefühl, „richtig im Ausland“ zu sein.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Polens nach dem EU-Beitritt 2004 veränderte sich auch das Reiseverhalten. Polnische Familien begannen, stärker auf Qualität, Natur und aktive Erholung zu setzen. Bornholm traf diesen Nerv erstaunlich genau: gepflegte Orte, sichere Radwege, saubere Strände und eine Ruhe, die man an der oft überfüllten polnischen Ostseeküste nicht mehr findet.

Zahlen, die das Gefühl bestätigen

Bornholm verzeichnete 2024 rund 1,69 Millionen Übernachtungen. Die meisten dieser Gäste stammen aus Deutschland und Dänemark. Doch internationale Gäste gewinnen an Bedeutung. Die regionale Tourismusorganisation Destination Bornholm zählt Polen inzwischen zu den wachsenden Nahmärkten und beschreibt damit Länder mit kurzer Anreisezeit und großem Potenzial.

Brancheninterne Auswertungen zeigen, dass der Anteil polnischer Besucher seit den 2010er-Jahren kontinuierlich wächst, insbesondere in den Segmenten Camping, Ferienhäuser und Fahrradtourismus. In den Sommermonaten Juli und August, wenn sich etwa 40 Prozent des jährlichen Besucheraufkommens auf Bornholm bündeln, hört man fast allerorten Polnisch.

Marketing, das wirkt

Bornholm hat sich nie als Billigziel positioniert. Stattdessen setzte die dänische Insel früh auf klare Botschaften: Natur, Aktivurlaub, Kulinarik und das Image der „Sonneninsel“. Genau diese Mischung spricht viele polnische Reisende an, die Skandinavien erleben möchten, ohne Preise zu zahlen, die in Norwegen oder Island anfallen.

Polnische Medienberichte, Reiseblogs und Social Media spielten dabei eine wichtige Rolle. Bornholm gilt in Polen heute als Geheimtipp mit Wiedererkennungswert: klein, sicher, überschaubar. Kurzum, ein fantastisches Reiseziel für Familien oder Aktivurlauber.

Von Direktfähren und Umwegen

Ein Blick auf die Anreisemöglichkeiten zeigt ebenfalls, warum so viele Polen auf Bornholm landen. Zwar gab es früher noch direkte Fährverbindungen von Świnoujście oder Kołobrzeg nach Rønne oder Nexø. Doch diese Linien wurden mehrfach eingestellt, reaktiviert und wieder gestrichen. Die letzte saisonale Autofähre von Świnoujście nach Rønne fuhr 2017. Heute gibt es leider keine regelmäßige Direktverbindung mehr. 

Stattdessen hat sich eine Transitroute über Schweden etabliert, die auf den ersten Blick wie ein Umweg wirkt, in der Praxis jedoch gut funktioniert.

Die heutige Standardroute: Świnoujście – Ystad – Rønne

Viele polnische Urlauber fahren mit dem Auto oder mit dem Bus nach Świnoujście und setzen von dort nach Ystad über. Diese Strecke bedienen mehrere Reedereien mehrmals täglich. Es gibt auch eine Nachtfähre mit Kabinen. Die Überfahrt dauert etwa sechs bis sieben Stunden. Von Ystad aus geht es mit der Schnellfähre weiter nach Rønne – in nur 1 Stunde und 20 Minuten.

Der große Vorteil dieser Route liegt in der Frequenz. Zwischen Ystad und Rønne verkehren ganzjährig mehrere Fähren pro Tag, in der Hochsaison sogar im Stundentakt. Das reduziert das Risiko, bei Ausfällen oder Verspätungen festzustecken und ermöglicht eine halbwegs flexible Reiseplanung.

Kosten und Vergleich zu Sassnitz

Für Reisende aus Polen – aber auch aus Berlin oder Nordostdeutschland – lohnt sich ein Vergleich. Die direkte Route über Sassnitz nach Rønne ist zwar schneller, aber ohne Frühbucherrabatte oft deutlich teurer.

Dagegen kann die Transitroute über Świnoujście und Ystad je nach Saison und Buchungszeitpunkt mehrere hundert Euro günstiger sein. Dafür verlängert sich die Reisezeit jedoch. Viele Familien nehmen das bewusst in Kauf, kombinieren die Fahrt mit einem Zwischenstopp in Schweden oder nutzen die Nachtfähren nach Ystad.

Aktivurlaub als polnisches Charakteristikum

Auffällig ist der überdurchschnittlich hohe Anteil an Aktivurlaubern unter den polnischen Gästen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Fahrrad. Das rund 230 Kilometer lange Radwegenetz, die flachen Etappen im Süden und die anspruchsvolleren Strecken im Norden passen perfekt zu den Erwartungen vieler polnischer Urlauber.

Auch Campingplätze und Ferienhäuser stehen hoch im Kurs. Sie erlauben Unabhängigkeit, Selbstverpflegung und Nähe zur Natur – Werte, die im polnischen Tourismus stark verankert sind.

Ein Ostseeraum wächst zusammen

Dass man heute auf Bornholm so vielen polnischen Gästen begegnet, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Öffnung, wirtschaftlicher Entwicklung und einer wundervollen Insel mitten im zusammenwachsenden Ostseeraum.

Solange die Anreise über Schweden zuverlässig funktioniert und Bornholm sein Qualitätsversprechen hält, wird Polnisch auf der Sonneninsel weiterhin selbstverständlich dazugehören. Und vielleicht kehrt eines Tages auch eine Direktfähre aus Świnoujście zurück. Die Nachfrage dafür wäre da.

Krzysztof Nowak

Krzysztof Nowak verbindet seine polnische Herkunft mit einem Studium in Deutschland und lebt im deutsch-dänisch-polnischen Dreiländereck. Seit über 15 Jahren ist der Germanist (M.A.) und zertifizierte Reiseleiter an der südlichen Ostseeküste aktiv. Sein Fachgebiet umfasst die touristische Entwicklung und die regionalen Zusammenhänge von der Insel Rügen bis nach Danzig.

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